Buddy sitzt in Box 23. Er ist eher unruhig, kein Freund vom Hochgenommenwerden, und wenn er sich erschrickt, stellt er seine Stacheln auf – dann kann es auch mal zwicken. Ein paar Boxen weiter wird Felix gerade einer kleinen Pediküre unterzogen, weil seine Krallen zu lang geworden sind. Er hält still, so gut es geht, dann darf auch er wieder zurück in seine Box. 2 von rund 40 Igeln, die an diesem Tag bei der Igelhilfe Radebeul in Pflege sind – mitten in der ruhigeren Phase des Jahres. In wenigen Wochen, wenn die Babysaison beginnt, wird die Station fast rund um die Uhr besetzt sein, damit alle Tiere versorgt werden können.

    Wir durften einen Vormittag lang mit hinter die Kulissen schauen: in die Krankenstation, in die Außengehege, in die Winterschlafkammern – und in eine Arbeit, die zu fast 100 % ehrenamtlich und über Spenden getragen wird.

    Teambild bei der Igelhilfe

    Die Igelhilfe Radebeul e. V.

    Der Igelhilfe Radebeul e. V. wurde 2016 gegründet und feierte in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Begonnen hat alles in einer Gartenlaube mit gebrauchten, nach und nach erneuerten Ställen.

    Der Verein in Zahlen:

    • heute ein ganzer Gebäudeflügel: 2 Boxenräume mit 52 Plätzen für kranke oder untergewichtige Igel
    • 12 Außengehege, mehrere Winterschlafgehege
    • neue selbstentworfene Boxen, gebaut von „gut leben e. V.“ (sozialer Träger): Lüftungsschlitze, herausnehmbare Elemente zur Desinfektion
    • vereinseigene Winterschlafstellen
    • Kernteam: 6–8 Menschen + 2 Minijobber, dazu viele ehrenamtliche Helfende im Früh- und Spätdienst
    • Finanzierung: 100 % Spenden, bewusst kein Fördermittel-Bezug
    • Ø Kosten pro Igel: rund 120 €, je nach Verletzungsgrad auch deutlich mehr
    • Netzwerk: integrierte Außenstelle Bannewitz (~20 Plätze), Aufbauhilfe für „Stachelnasen“ Zwickau, regelmäßiger überregionaler Austausch

    Igelhilfe Außengehege

    Ein Tag in der Station

    Tagesablauf:

    • Frühdienst (ab 6–7 Uhr für 5-6 h): Wiegen, Boxen reinigen, Gewichtsprotokoll
    • Spätdienst (ab 15–16 Uhr für 5-6 h): Futter zubereiten, Füttern, Außengehege reinigen
    • Zwischendienst: bereitet bei Bedarf schon das Abendfutter vor
    • medizinische Versorgung: immer durch eine erfahrene Person

    Igelhilfe 2

    Jeder Igel bekommt bei der Aufnahme einen Namen, eine Nummer und eine eigene Akte für Fütterung, Gewichtsentwicklung und Auffälligkeiten. Manche Fälle bleiben lange in Erinnerung: König René etwa kam mit einem massiven Milbenbefall und fast vollständigem Stachelverlust in die Station – nach der Behandlung hatte er sein komplettes Stachelkleid innerhalb einiger Monate zurück, insgesamt war er fast 1 Jahr bei der Igelhilfe. Oder Odin, der aus einem Pool ohne Ausstiegshilfe gerettet wurde und sich erst wieder erholen musste, bevor es zurück in seine Poollandschaft (nun mit Ausstiegshilfe) ging. Wie lange ein Igel bleibt, hängt vom Grund der Einlieferung ab: Bei einer reinen Entwurmung reichen oft 10 bis 13 Tage, bei Verletzungen dauert es schnell mehrere Wochen.

    Ab Anfang September tritt oft der sogenannte Notbetrieb in Kraft – dann sind alle Ställe belegt und die Kapazität der Station und dessen, was die Helfenden leisten können, erreicht: Leichtere Fälle gehen an externe Pflegestellen, Finder betreuen unkompliziertere Igel unter Anleitung selbst zu Hause weiter – dafür braucht es einen eigenen, beheizbaren Raum mit mindestens 20 °C und im Idealfall einem Fenster, damit das Tier trotzdem einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus mitbekommt. Die Station konzentriert sich in dieser Zeit auf Verletzte, Muttertiere mit Jungen sowie verwaiste Igelbabys. Nachwuchssaison für Igel ist in unserer Region vorwiegend im August und September.

    Wie stark der Andrang schwanken kann, zeigt die eigene Vereinsstatistik: Im bisherigen Rekordjahr 2021 nahm die Station rund 1.700 Igel auf – von rund 600 Aufnahmen im Jahr 2017 aus ist die Zahl seither insgesamt deutlich gestiegen. Laut Vereinsaussage ist die Mortalitätsrate in Radebeul gering: rund 4 von 5 Igeln überleben und können wieder ausgewildert werden.

    Ein Stück weiter stehen die Winterschlafgehege: einfache Verschläge mit Strohbereich zum Schlafen und einem Kontrollbereich mit etwas Wasser und Trockenfutter, an dem sich ablesen lässt, ob ein Tier wach ist oder schläft.

    Igelhilfe Winterschlafgehege

    Manche Igel verschwinden hier im Herbst und tauchen erst im Frühjahr wieder auf. Andere schlafen dagegen kaum – warum, weiß auch der Verein nicht genau: Zu Igeln gibt es erstaunlich wenig wissenschaftliche Studien, auch nicht dazu, wie viele in Pflegestationen aufgepäppelte Tiere nach der Auswilderung tatsächlich überleben.

    Der Igel als Tier – Biologie & Verhalten

    • Länge: bis zu 32 cm
    • Gewicht ausgewachsen: 450–700 g, je nach Alter und Jahreszeit
    • Stacheln: 6.000–8.000 auf dem Rücken
    • Lebenserwartung: bis zu 7 Jahre in freier Wildbahn – Rekord: rund 16 Jahre (nachgewiesen über Zahnstatus/DNA)
    • Revier: Männchen bis 100 ha (~130 Fußballfelder), Weibchen rund 30 ha
    • Paarungszeit: Mai bis August, „Igelkarussell“ (Umkreisen, Fauchen, Sprünge, stundenlang) als Balzritual
    • Fortpflanzung: Tragzeit rund 35 Tage, 3–5 Junge, Nestverlassen nach ca. 8 Wochen
    • Würfe: meist 1×/Jahr in Sachsen, in wärmeren Regionen gelegentlich 2×
    • Winterschlaf: Ende Oktober/November bis April, Gewichtsverlust 25–30 %
    • Sinnesorgane: Nase (Beute bis 3 cm tief im Boden spürbar, Feinde auf 10 m riechbar), Gehör (Feinde auf 5–6 m hörbar), Sehvermögen schwach
    • Feinde: v. a. der Dachs (kennt die Schwachstelle am Bauch), außerdem Greifvögel, Eulen, Füchse, Marder, Iltisse – meist nur gefährlich für Jungtiere oder geschwächte Igel; Hunde mit Jagdinstinkt, Katzen dagegen meist desinteressiert aus Selbstschutz
    • Lebensraum: Gärten, Parks, Friedhöfe, ländliche Siedlungsgebiete – nicht der Wald

    Igel sind Einzelgänger und ausgesprochen reviertreu – ihr Revier kennen sie bis ins Detail, weshalb die Igelhilfe genesene Tiere bevorzugt dorthin zurückbringt. Bei Jungtieren ist das weniger kritisch: Sie kennen noch kein eigenes Revier, weshalb Wurfgeschwister bei der Auswilderung bewusst gemischt werden, um Inzucht vorzubeugen.

    Ein Wald ist dabei kein Igel-Lebensraum, auch wenn ein hartnäckiger Irrglaube das Gegenteil behauptet – für dichtes Gestrüpp sind Igel mit ihren kurzen Beinen und dem Stachelkleid schlicht nicht gemacht.

    Kurios: Trifft ein Igel auf einen unbekannten Geruch, beknabbert er ihn, bis Schaum entsteht – den er sich anschließend auf den Rücken spuckt (Einspeicheln).

    Ernährung & Fütterung

    Der Igel gehört zu den Insektenfressern, frisst in der Praxis aber wie ein Allesfresser mit klarer Vorliebe für tierische Kost – Laufkäfer, Asseln, Spinnen, Fliegen, Würmer, im Notfall auch Schnecken. Pflanzliche Nahrung nimmt er nur zufällig auf.

    Geeignet:

    • getreidefreies Katzenfutter
    • ungewürztes Rührei
    • frisches Wasser, ganzjährig (im Winter nur Trockenfutter, da Nassfutter gefriert)

    Tabu:

    • Milch – Laktoseintoleranz, im schlimmsten Fall tödlich
    • Obst, Gemüse, Nüsse – Magen-Darm-Trakt kann es nicht verdauen
    • rohes Fleisch, rohe Eier, Brot, Nudeln, Reis
    • Fertigfutter aus dem Tierhandel – oft ungeeignete Zutaten, unnötig teuer

    Irrglaube: Igel spießen kein Fallobst auf ihre Stacheln, um es in eine Baumhöhle zu tragen – sie legen sich keine Vorräte an; knabbern sie an Fallobst, geht es nur um die Würmer darin.

    Futterstelle bauen:

    • 2 (Labyrinth-)Eingänge, damit der Igel bei Stress fliehen kann
    • Zeitungspapier täglich wechseln (Kot-/Krankheitsübertragung wegen kurzem Darm)
    • bei mehreren Igeln: 2. oder 3. Futterstelle gegen Rangeleien

    Gesundheit & typische Probleme

    • häufigste Einlieferungsgründe: Atemwegsprobleme, Verwurmung, Beinverletzungen, Schnittwunden z.B. am Rücken (Freischneider) – bleiben oft lang, weil neben der Wunde auch die Stacheln nachwachsen müssen
    • Atemwegsprobleme oft durch Innenparasiten, häufig ausgelöst durch Fehlernährung (z. B. Schnecken als Ersatzfutter schwächen das Immunsystem), wobei eine gewisse Grundlast an Parasiten normal und ungefährlich ist
    • Hungerknick: Delle im Nacken = Verhungern/Dehydrierung, sofort Hilfe nötig
    • Fliegenmadenbefall: v. a. im Sommer bei geschwächten/verletzten Tieren – Fliegeneier werden binnen 24 h zu Maden
    • enge Zusammenarbeit mit igelkundigen Tierärzt*innen, da nicht jede Praxis sich mit Igeln auskennt – Achtung: herkömmliche Flohmittel können für Igel tödlich sein

    Gefahren im Alltag

    • Gartengeräte: Rasenmäher/Freischneider (Verstümmelung), Laubsauger (Einsaugen), Mähroboter (laut Verein ebenfalls Gefahrenquelle, seltener als manuelle Geräte)
    • Schädlingsbekämpfung: Gift entzieht Nahrungsgrundlage; Fallen außerhalb der Igel-Reichweite aufstellen
    • Müll: Dosen/Verpackungen als Falle, Plastiktüten als Kriechfalle
    • rund ums Haus: offene Kellertreppen/Lichtschächte, Maschendraht/Netze, Pools/Teiche ohne Ausstieg, spät geschlossene Gartenhäuschen, Ultraschall-Schreckgeräte
    • sonstiges: Brauchtumsfeuer, nächtlicher Straßenverkehr, jagdfreudige Hunde, offene Baugruben

    Rechtlich sind Igel keineswegs schutzlos: Nach § 44 BNatSchG zählen sie zu den besonders geschützten Arten – Nachstellen, Fangen, Verletzen, Töten sowie die Zerstörung von Ruhe- und Fortpflanzungsstätten sind verboten, bei Verstößen drohen hohe Bußgelder. Besitzen darfst du einen Igel grundsätzlich nicht. Einzige Ausnahme (§ 45 BNatSchG): die vorübergehende Pflege verletzter, kranker oder hilfloser Tiere – mit Pflicht zur Freilassung, sobald sie wieder allein zurechtkommen.

    Wann braucht ein Igel deine Hilfe?

    Tagaktivität ist meist ein Alarmsignal – Ausnahme: Zwischen Ende Juli und September sind säugende Muttertiere auch tagsüber unterwegs. Nimm in diesem Zeitraum keinen gesund aussehenden Igel leichtfertig aus der Natur.

    Findest du einen hilfsbedürftigen Igel:

    1. mit Tuch bedeckt seitlich greifen und in Box sichern (Achtung: bissig)
    2. Igelstation kontaktieren 
    3. auf Fliegeneier/Maden absuchen, unter Anleitung entfernen
    4. in zeitungsausgelegter Box mit Handtuchnest aufwärmen
    5. erst wenn warm: wenig Futter und Wasser anbieten

    Kein Spot-on (flüssiges, äußerlich angewendetes Medikament), kein Flohpuder, keine Entwurmung auf eigene Faust. Achte auf den Hungerknick als Warnzeichen. Und: Setze einen gefundenen Igel niemals an einem neuen Ort oder gar im Wald (kein Igellebensraum) aus – ein fremdes Revier bedeutet unbekannte Gefahren.

    Wie du helfen kannst

    • als Pflegestelle, für leichtere Fälle bei dir zu Hause
    • (als Auswilderungsstelle, bei igelfreundlichem Garten)
    • mit einer Igel-Patenschaft, wenn Pflege nicht möglich ist
    • mit Geldspenden (oder Sach- und Futterspenden)
    • direkt vor Ort in der Station als aktives Vereinsmitglied: Früh-, Spät- oder Zwischendienst

    Zum Abschluss

    Buddy und Felix werden die Station in absehbarer Zeit wieder verlassen – so ist es bei fast allen Igeln hier: Rund 99 % kehren am Ende in ihr Heimatrevier zurück. Bis dahin sorgt ein kleines, ehrenamtliches Team dafür, dass an 365 Tagen im Jahr niemand unversorgt bleibt.

    Igel im Häuschen

    Igelnotruf: 0157 74 70 32 72
    Igelberatung: 0151 20 16 66 38 (täglich 16 – 19 Uhr)
    E-Mail: info@igelhilfe-radebeul.de
    Web: igelhilfe-radebeul.de