Wer frühmorgens oder in der Abenddämmerung durch Dresdens Parks oder Wohngebiete spaziert, macht immer öfter eine besondere Beobachtung: Hasen, die auf Wiesen mümmeln oder mit schnellen Sprüngen im Dickicht verschwinden. Solche Begegnungen sind auch in anderen Großstädten Europas längst keine Seltenheit mehr, denn auch mitten in den Städten leben inzwischen wilde Hasen – meist handelt es sich dabei um Feldhasen (Lepus europaeus).

    Die Stadt als Ersatzlebensraum

    Der Feldhase ist eine ursprünglich typische Art der Feldflur. Noch immer kommt er in Deutschland flächendeckend vor, wenn auch in sehr unterschiedlichen Dichten. Insgesamt leben hierzulande mehrere Millionen Tiere. Gleichzeitig beobachten Forschende seit Jahren, dass die Bestände in vielen Regionen stark zurückgehen. Das beunruhigt, denn Feldhasen gelten als Überlebende der letzten Eiszeit als äußerst anpassungsfähig. Wenn selbst seine Population rückläufig ist, zeigt das deutlich, wie hochgradig problematisch und lebensfeindlich die Bedingungen für viele andere Arten geworden sind.

    Die Ursachen liegen vor allem in der modernen Landwirtschaft: großflächige Monokulturen, intensive Düngung, Pestizideinsatz, die Mahd während der Setzzeit und der Verlust von Hecken, Feldrainen und Brachen. Für Feldhasen bedeutet das weniger Nahrung, weniger Deckung und weniger Sicherheit – besonders für den Nachwuchs.

    Städtische Räume wirken im Vergleich dazu fast wie Rückzugsorte. Hier gibt es auf Grünflächen weniger chemische Belastungen, eine größere Pflanzenvielfalt, ein ganzjähriges Nahrungsangebot und die gewünschte Struktur: hohes Gras, wilde Ecken, Sträucher und ungemähte Flächen. Auch natürliche Feinde wie Fuchs oder Greifvögel sind in der Stadt zwar nicht abwesend, aber oft in deutlich geringerer Zahl vorhanden. All das macht urbane Gebiete zu einem Ersatzlebensraum, den Feldhasen zunehmend nutzen.

    Der Feldhase – Steckbrief des Wildtieres

    Der Feldhase ist ein beeindruckendes Tier, das oft unterschätzt wird. Mit einem Gewicht von bis zu 6 kg und seinen langen, kräftigen Hinterläufen ist er ein ausdauernder Läufer und erreicht Geschwindigkeiten von über 70 km/h. Seine auffällig langen Ohren, meist mit schwarzen Spitzen, dienen nicht nur dem guten Gehör, sondern auch der Wärmeregulierung.

    Leben ohne Bau

    Eine Besonderheit des Feldhasen ist seine Lebensweise ohne festen Bau. Anders als Kaninchen gräbt er keine unterirdischen Röhren. Stattdessen legt er sich sogenannte Sassen an – flache Mulden im Gras oder im Boden, die ihm als Ruheplatz dienen. Dort liegt er tagsüber regungslos, perfekt getarnt durch seine Fellfarbe. Dieses Verhalten ist eine wichtige Überlebensstrategie und erklärt, warum Hasen oft erst im letzten Moment entdeckt werden.

    Feldhasen sind einzelgängerisch. Sie leben nicht in Gruppen und verteidigen keine festen Reviere. Erst zur Paarungszeit begegnet man mehreren Hasen gemeinsam.

    Aktivitätszeiten und Verhalten

    Hauptsächlich sind Feldhasen dämmerungs- und nachtaktiv. In den ruhigen Abend- und Nachtstunden gehen sie auf Nahrungssuche, während sie sich tagsüber zurückziehen. In der Stadt verschieben sich diese Zeiten manchmal, vor allem in besonders ruhigen Gebieten.

    Was steht auf dem Speiseplan?

    Feldhasen sind reine Pflanzenfresser und ernähren sich sehr abwechslungsreich. Auf ihrem Speiseplan stehen je nach Jahreszeit und Verfügbarkeit:

    • Gräser und Kräuter
    • Wildpflanzen wie Klee, Löwenzahn, Wegerich oder Schafgarbe
    • Knospen, junge Triebe und Rinde (vor allem im Winter)
    • Feldfrüchte wie Getreide oder Raps in ländlichen Gebieten

    Unterschied zum Kaninchen

    Hasen und Kaninchen sind für viele Synonyme, haben aber unterschiedliche Lebensweisen und Bedürfnisse. Hasen sind größer, hochbeiniger und wirken insgesamt schlanker/sportlicher. Besonders auffällig sind ihre sehr langen Ohren mit schwarzen Spitzen. Sie leben einzelgängerisch und graben keine Baue, sondern ruhen tagsüber gut getarnt in flachen Mulden im Gras, sogenannten Sassen. Bei Gefahr bleiben sie oft lange regungslos liegen und flüchten dann mit schnellen, weiten Sprüngen.

    Kaninchen dagegen sind kleiner und gedrungener, haben kürzere Ohren ohne schwarze Spitzen und leben meist in Gruppen. Sie graben ausgedehnte unterirdische Baue, in die sie sich bei Gefahr sofort zurückziehen. Tauchen mehrere Tiere gemeinsam auf, handelt es sich fast immer um Kaninchen. Auffällige Fellfarben oder zutrauliches Verhalten deuten zudem auf ein ausgesetztes Haustier hin, das dringend Hilfe benötigt.

    Feldhase vs Kaninchen

    Feldhasen und der Mensch

    Feldhasen sind grundsätzlich wachsam, aber nicht zwangsläufig panisch, nur weil sie loslaufen. Sie wissen sehr genau, was ihnen gefährlich werden kann. Menschen werden, vor allem in der Stadt, häufig als berechenbar wahrgenommen. Solange wir uns ruhig verhalten, Abstand halten und sie nicht bedrängen, werden Hasen oft liegen bleiben oder langsam ausweichen.

    Das bedeutet jedoch nicht, dass sie „zahm“ sind oder gezielt unsere Nähe suchen. Zu dichtes Herangehen, Fotografieren aus nächster Nähe oder Verfolgen löst Stress aus. Besonders problematisch sind freilaufende Hunde, die selbst aus spielerischer Motivation oder einem Jagdtrieb heraus zu einer ernsthaften Gefahr werden können.

    Notsituationen erkennen und richtig handeln 

    Gerade in Städten, wo wir seltener mit Wildtieren konfrontiert sind, wird das natürliche Verhalten von Feldhasen schnell mit Hilfebedürftigkeit verwechselt. 

    Feldhasen sind meisterhaft bei Tarnung und Ruhe. Anders als viele andere Tiere verlassen sie sich nicht auf Verstecke oder Bauten, sondern auf ihre Fähigkeit, unauffällig zu bleiben. Tagsüber liegen sie häufig regungslos in ihrer Sasse. Ihr braunes, unauffälliges Fell verschmilzt dabei nahezu mit der Umgebung. Selbst wenn ein Mensch oder Hund in einiger Entfernung vorbeigeht, bleiben Feldhasen oft liegen. Weglaufen würde sie verraten und kostet wertvolle Energie.

    Dieses Verhalten gilt auch für den Nachwuchs. Feldhasenjunge werden nicht in Nestern großgezogen und auch nicht dauerhaft von der Mutter bewacht. Die Häsin legt ihre Jungen einzeln, oft mehrere Meter voneinander entfernt, im hohen Gras oder in lichten Wiesen ab. Die Jungtiere sind von Geburt an behaart, haben geöffnete Augen und können sich bereits bewegen. Dass ein Junghase allein sitzt, sich kaum bewegt oder sich sogar an den Boden drückt, ist kein Zeichen von Verlassenheit, sondern eine überlebenswichtige Strategie. Die Mutter hält bewusst Abstand und kommt meist nur 1 bis 2 innerhalb von 24 h zum Säugen (bevorzugt in Nacht und Dämmerung). Dadurch hinterlässt sie möglichst wenig Geruch und lenkt keine Fressfeinde auf ihre Jungen. Für Außenstehende ist dieser Ablauf kaum sichtbar – was leicht zu Fehlinterpretationen führt.

    Gerade gut gemeinte „Rettungsaktionen“ können für junge Feldhasen fatal sein. Wird ein Junghase mitgenommen, verliert er seine einzige Chance, von der Mutter weiter versorgt zu werden. Auch das Umsetzen an einen vermeintlich „sicheren“ Ort kann dazu führen, dass die Häsin ihn nicht mehr findet.

    Hilfe ist deshalb nur in klaren Ausnahmefällen notwendig. Dazu gehören Situationen, in denen ein Feldhase:

    • sichtbar verletzt ist (z. B. offene Wunden, lahmt stark),
    • apathisch wirkt oder sich auch bei direkter Annäherung nicht mehr bewegt,
    • von einem Hund oder einer Katze angegriffen wurde
    • oder sich in einer akuten, nicht selbst lösbaren Gefahrenlage befindet (z. B. auf einer stark befahrenen Straße oder in einem umzäunten Bereich sitzend)

    In solchen Fällen sollte das Tier möglichst wenig angefasst und umgehend eine spezialisierte Wildtierauffangstation kontaktiert werden. Eigenständige Pflegeversuche oder das Mitnehmen „zur Sicherheit“ verschlechtern die Überlebenschancen meist erheblich.

    Wen kontaktiere ich im Notfall?

    • lokale Wildtierauffangstationen/Wildtierhilfe
      Spezialisierte Stellen für verletzte oder hilfsbedürftige Wildtiere. Sie verfügen über die nötige Erfahrung, Genehmigungen und Ausstattung.
      https://www.wildtierschutz-deutschland.de/verletztes-wildtier-gefunden
      Tierrettung Dresden e.V. InstagramFacebook
      Facebook-Gruppe: Tierrettung Dresden und Umgebung
    • Tierärztlicher Notdienst
      Bei schweren Verletzungen (z. B. nach Hundebiss, Verkehrsunfall) kann auch der tierärztliche Notdienst kontaktiert werden. Idealerweise geschieht das in Rücksprache mit den Auffangstationen.
    • Polizei oder Feuerwehr (Tierrettung Dresden: 0351 501210)
      Nur bei akuter Gefahrenlage, etwa wenn ein Tier auf einer stark befahrenen Straße sitzt oder in einem Schacht feststeckt.

    Wichtig zu wissen

    • Wildtiere stehen unter besonderem Schutz – ihre Aufnahme ist nur mit triftigem Grund erlaubt.
    • Bitte keine eigenständigen Pflegeversuche unternehmen.
    • Das Tier nur sichern, wenn es sich ohne zusätzlichen Stress oder Gefahr für Mensch und Tier umsetzen lässt.

    Zufüttern – sinnvoll oder nicht?

    Grundsätzlich gilt: Feldhasen finden in der Stadt ausreichend Nahrung. Unkontrolliertes Zufüttern kann mehr schaden als nutzen, etwa durch falsche Nahrung oder eine zu starke Gewöhnung an den Menschen.

    Wenn überhaupt gefüttert wird – etwa in sehr strengen Wintern oder in Abstimmung mit Fachstellen – sind folgende Futtermittel geeignet:

    • Frische Wildkräuter (z. B. Löwenzahn, Wegerich, Klee)
    • Wiesenheu
    • Zweige von Obstbäumen oder Weide
    • Kleine Mengen Möhrengrün oder Fenchel

    Ungeeignet sind Brot, Getreideprodukte, Salat aus dem Supermarkt oder stark wasser- oder zuckerhaltiges Gemüse (z. B. Gurke, Karotten). 

    Feldhasen in der Stadt unterstützen

    Wer Feldhasen in der eigenen Umgebung unterstützen möchte, kann dies auf vielfältige Weise tun – und das ohne die Tiere direkt zu stören, anzufassen oder zu füttern. Schon kleine Maßnahmen in Gärten, Grünanlagen oder auf Wiesen können die Lebensbedingungen für die Tiere erheblich verbessern.

    Ein wichtiger Punkt ist die Mähpraxis: Frühe oder durchgehende Mahd kann gerade während der Fortpflanzungs- und Aufzuchtzeit (März bis September) für die Jungtiere tödlich sein. Wenn möglich, lohnt es sich, spätere Mähzeiten vorzuschlagen oder die Flächen abschnittsweise zu mähen, sodass immer Rückzugsorte für Tiere erhalten bleiben.

    Auch das Zulassen von wilden Ecken in Gärten, auf Grünflächen oder zwischen Häuserzeilen hilft den Feldhasen enorm. Hohe Gräser, Büsche, ungemähte Brachen oder verwilderte Randstreifen bieten Nahrung, Deckung und Ruhe. Gleichzeitig kann das Pflanzen von heimischen Kräutern und Sträuchern die Artenvielfalt erhöhen und gleichzeitig Futter- und Rückzugsmöglichkeiten schaffen. Besonders Wildkräuter wie Löwenzahn, Klee oder Vogelmiere werden von Feldhasen gern genutzt.

    Für Menschen, die in Mehrfamilienhäusern oder Mietanlagen leben, kann es außerdem sinnvoll sein, Gespräche mit Vermietung, Hausverwaltungen oder Wohnungsbaugesellschaften zu führen. Viele Grünflächen werden zentral gepflegt, und kleine Änderungen – spätere Mähzeiten, ungemähte Ecken oder das Anlegen naturnaher Pflanzungen – lassen sich mit etwas Aufklärung oft gut umsetzen.

    Letztlich gilt: Jede strukturreiche Fläche, die Ruhe, Deckung und Nahrung bietet, ist wertvoll. Schon kleine Anpassungen helfen den Feldhasen, ihren städtischen Ersatzlebensraum sicher und nachhaltig zu nutzen.

     


     

    Fazit

    Feldhasen zeigen uns eindrucksvoll, dass Städte nicht mehr nur Lebensräume für Menschen und Haustiere sind. Als Ersatzlebensraum bieten sie Chancen – aber nur, wenn wir achtsam sind, ihr natürliches Verhalten respektieren und ihre neuen Lebensräume schützen.

    Auch wenn Feldhasen und Kaninchen in städtischen Lebensräumen gut überleben können, möchten wir als Tierschutzverein noch einmal ausdrücklich auf den entscheidenden Unterschied zu im Haus gehaltenen Hasen und Kaninchen hinweisen: Haustiere sind keine Wildtiere und können auch nicht zu Wildtieren gemacht werden. Sie sind domestiziert und können sich in der freien Natur nicht selbst versorgen und haben keine Überlebenschancen. Wer sein Haustier aussetzt, auch in einer Umgebung, in der seine wilden Artgenossen überleben, macht sich strafbar und setzt die Tiere großer Gefahr aus. 

    Wenn du mehr über domestizierte Kaninchen und ihre Haltung erfahren möchtest, findest du hier einen ausführlichen Artikel: https://tierschutzdresden.de/artgerechte-kaninchen-haltung